Forscher machen spektakulären Fund bei Kehrig

Gräberfeld aus der Merowingerzeit entdeckt – Geplantes Baugebiet muss verkleinert werden

 

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An der Stelle, wo eigentlich die Erweiterung des Neubaugebietes „Ober dem Pörschpesch“ geplant war, haben die Archäologen der Generaldirektion Kulturelles Erbe ein Gräberfeld aus dem frühen Mittelalter entdeckt. Das Areal soll nun nicht mehr bebaut werden.Fotos: Martin Boldt/GDKE


Kehrig. Woran der junge Mann, kaum dem Kindesalter entwachsen, gestorben ist, das lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Der saure Eifelboden hat seine Gebeine verzerrt. Seine Familie muss allerdings einen gewissen sozialen Status und Wohlstand besessen haben.

Darauf deutet die aus Bronze geschmiedete 18 Zentimeter lange Riemenzunge hin, die seinem Grab beilag. „Sie war Teil eines Gürtelschmucks, der um 750 nach Christus in Mode war“, erklärt Archäologe Cliff Jost von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Koblenz, während er das frühmittelalterliche Accessoire aus seinem Behältnis nimmt. Auch wenn die Franken zu dieser Zeit bereits den neuen christlichen Glauben angenommen hatten, manch heidnische Tradition hielt sich hartnäckig – so auch die der Grabbeigaben. Gemacht haben Jost und seine Helfer den Fund aus der Merowingerzeit im vergangenen Mai am nördlichen Ortsrand von Kehrig bei einer sogenannten Magnetometerprospektion auf dem Areal der geplanten Erweiterung des Neubaugebietes „Ober dem Pörschpesch“. Beim Scannen des Bodens auf geophysikalische Anomalien entdeckten die Experten ein bisher unbekanntes Reihengräberfeld aus dem frühen Mittelalter, dessen älteste Teile bis in das 6. Jahrhundert zurückreichen. Zu erkennen sind 350 bis 400 Gräber auf einer Gesamtfläche von rund 5500 Quadratmetern. Die erste Kehriger Siedlung muss in dieser Zeit also bereits die Größe eines Weilers mit mehreren Wohnhäusern besessen haben.

„Die Grabfelder der Franken“, erläutert Jost, „haben sich gewöhnlich in 250 bis 300 Meter Distanz zu den damaligen Ortskernen befunden.“ Durch das kontinuierliche Wachstum in den vergangenen Jahrhunderten haben die Ortsränder sich allerdings immer weiter verlagert und grenzen vielerorts inzwischen unmittelbar bis an die unsichtbar gewordenen altertümlichen Friedhofsanlagen an.

Vereinzelte Scherbenfunde hatten bereits im Vorfeld auf etwas Größeres im Boden hingedeutet, der Fund an jetziger Stelle kam dann aber doch etwas überraschend. „Die Eingriffe im Boden durch Menschenhand sind auf der Karte gut sichtbar“, sagt der Koblenzer Archäologe und holt einen Ausdruck hervor. In der Tat: Mehrere wurmartige Anomalien durchziehen – erst durch die Sonde sichtbar gemacht – das Gelände. Nördlich von ihnen erstreckt sich ein Feld mit unzähligen nahe beieinanderliegenden schwarzen Flecken. „Das sind Hohlwegsysteme, die vielen rechteckigen Auffälligkeiten sind die Grabstätten“, löst der Experte auf. Auffällig ist auch die bereits vorgenommene Ausrichtung der Gräber gen Osten, nach Jerusalem.

Um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen, wurde eine Baggersondage gemacht, bei der auf einem 50 Meter langen Teilstück des Gräberfeldes gut 30 Zentimeter Oberboden abgezogen wurde. „Die Grabstellen haben sich dann anhand ihrer Farbe zum umliegenden Lehmboden sehr gut abgezeichnet“, beschreibt Jost die Entdeckung mitten im Rapsfeld. Zwei Gräber wurden stichprobenartig geöffnet, wobei die bereits eingangs beschriebene Gürtelverzierung geborgen wurde.

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurden die meisten dieser Grabfelder aufgegeben, und die Beisetzungen verlagerten sich an die Kirchen, die damals in den Ortszentren neu entstanden. Die alten Gräber gerieten irgendwann in Vergessenheit. Dass dies ein zweites Mal passiert, gilt es nun zu verhindern: Die Generaldirektion Kulturelles Erbe hat daher inzwischen einen dauerhaften Schutzstatus für den entdeckten Bereich beantragt. Für die Ortsgemeinde Kehrig bedeutete dies im Umkehrschluss, dass sie ihre Neubaupläne an besagter Stelle leider verwerfen muss. „Etwa zehn Bauplätze werden so voraussichtlich wegfallen“, überschlägt Bürgermeister Herbert Keifenheim die Auswirkungen.

Eine groß angelegte Grabung nach den ersten Kehrigern wird es im Anschluss allerdings nicht geben, betont Jost. Die würde zum einen viel zu viel Geld kosten, zum anderen ist es mittlerweile das erklärte Ziel der Behörde, die Funde für spätere Generationen im Boden zu belassen. „Bei einer Ausgrabung wäre die Quelle für immer weg.“ Denn dass ein Gräberfeld in so unberührtem Zustand wie jetzt in Kehrig noch einmal entdeckt wird, werde immer seltener.

Das liegt daran, erklärt Jost, dass man insbesondere in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht sehr sensibel mit derlei Funden umgegangen sei. „In den Zeiten des Wirtschaftswunders und des Bimsabbaus“, so schätzt er, sind vermutlich 90 Prozent dieser stummen Zeugen aus dem frühen Mittelalter in der Region unwiederbringbar zerstört worden.